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Bildung

Strategie statt Stückwerk: Was Bildungsinstitutionen heute wirklich brauchen

19. März 2026
Kurt Wunderlich
Kurt Wunderlich, Swiss AI Experts - Bildung in Zeiten der KI
📋 Inhaltsverzeichnis

Unser Bildungssystem kreist seit jeher um eine zentrale Frage: Was kann diese Person? Noten, Prüfungen, Hausaufgaben und andere Formen der Leistungsbeurteilung sollen darauf eine verlässliche Antwort geben. Über Lehrpläne, Methoden, Chancengerechtigkeit und Inklusion wird seit Jahrzehnten diskutiert. Eine Grundannahme blieb dabei jedoch lange unangetastet: Dass das, was eine Schülerin, ein Schüler oder eine studierende Person einreicht, im Wesentlichen die eigene Leistung abbildet.

Genau diese Annahme gerät durch generative KI ins Wanken.

Es geht dabei nicht um eine rein technische Entwicklung, sondern um eine strukturelle Verschiebung. Wer heute klassische Hausaufgaben, Essays oder Projektarbeiten ausserhalb eines kontrollierten Rahmens bewertet, kann deren Aussagekraft als Leistungsnachweis nicht mehr selbstverständlich voraussetzen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur: Ist das Ergebnis gut? Sondern vielmehr: Was davon zeigt tatsächlich die Kompetenz der lernenden Person?

Damit stehen Bildungsinstitutionen vor einer Grundsatzfrage. Sie betrifft nicht in erster Linie die Auswahl einzelner Tools, sondern das Verständnis von Prüfung, Bewertung und Verantwortung.

Wenn Institutionen schweigen, entsteht Wildwuchs

In Schulen, Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen zeigt sich derzeit häufig ein ähnliches Bild: Einzelne Lehrpersonen setzen sich intensiv mit KI auseinander, sammeln Erfahrungen, entwickeln eigene Regeln oder versuchen, sich mit grossem Engagement an die neue Situation anzupassen. Gleichzeitig bleibt die institutionelle Ebene oft unklar, zurückhaltend oder stumm.

Das führt zu einem Muster, das man in vielen Bildungseinrichtungen beobachten kann: Jede Person entwickelt ihre eigene Haltung, ihre eigenen Grenzen und ihre eigene Praxis. Für die Lernenden bedeutet das Intransparenz. Für Lehrende bedeutet es Unsicherheit. Für die Institution bedeutet es den Verlust von Steuerungsfähigkeit.

Wo KI kein Teil einer gemeinsamen Strategie ist, wird die Verantwortung für die digitale Transformation stillschweigend an Einzelpersonen delegiert. Das ist keine Lösung. Es ist ein strukturelles Versäumnis. Das Ergebnis ist ein digitaler Wildwuchs, der weder den Lernenden noch dem Bildungsauftrag gerecht wird.

Drei Baustellen, die weit über Technik hinausgehen

1. Das strategische Vakuum

Ohne institutionelle Leitplanken entscheidet oft der Zufall darüber, ob KI im Unterricht reflektiert aufgegriffen, sinnvoll integriert oder vollständig ausgeblendet wird. Lernende erleben dadurch je nach Lehrperson sehr unterschiedliche Realitäten. Die einen werden angeleitet, KI kritisch und produktiv zu nutzen. Die anderen bewegen sich in einem Raum aus Unsicherheit, Verboten oder Schweigen.

Was fehlt, ist ein gemeinsames Fundament: ein institutionell abgestimmter Umgang mit KI, der Orientierung bietet und Verantwortlichkeiten klärt.

2. Der Verlust verlässlicher Leistungsnachweise

Die Mehrheit der Lernenden nutzen KI längst für Hausaufgaben, Texte, Zusammenfassungen oder Projektarbeiten – insbesondere dort, wo Aufgaben ausserhalb eines begleiteten oder überwachten Settings bearbeitet werden. Damit verliert das abgegebene Endprodukt als alleiniger Leistungsnachweis an Aussagekraft.

74%

der Schülerinnen und Schüler nutzen KI für Hausaufgaben

91%

der Studierenden nutzen KI für Hausaufgaben, Texte und Projektarbeiten

Das Problem ist nicht, dass KI genutzt wird. Das Problem ist, dass traditionelle Bewertungsformen oft so behandelt werden, als hätte sich nichts verändert. Genau darin liegt die Schieflage. Wenn nur das fertige Produkt bewertet wird, bleibt unklar, was die lernende Person selbst verstanden, durchdrungen und eigenständig geleistet hat. Das erschwert nicht nur faire Bewertung, sondern auch gezielte Förderung.

3. Ein neues Bildungsgefälle

Hinzu kommt eine weitere Entwicklung: Wer Zugang zu leistungsfähigeren, kostenpflichtigen KI-Systemen hat und sie kompetent einsetzen kann, erzielt oft bessere Ergebnisse. Damit droht sich bestehende Bildungsungleichheit weiter zu verschärfen.

Gleichzeitig hinken viele Lehrende den Lernenden in der praktischen Anwendungskompetenz hinterher. Das ist kein individuelles Versagen, sondern eine absehbare Folge einer Entwicklung, die mit hoher Geschwindigkeit verläuft. Umso klarer ist: Es ist ein Trugschluss zu glauben, Lehrpersonen könnten diesen Vorsprung im Alleingang aufholen. Bildungsinstitutionen müssen Verantwortung für Qualifizierung, Orientierung und den Zugang zu geeigneten Werkzeugen übernehmen.


Vom Endprodukt zum Prozess

Die eigentliche strategische Aufgabe lässt sich klar benennen: Alles, was zu Hause im stillen Kämmerlein entsteht, lässt sich mit einer klassischen Prüfungslogik nur noch eingeschränkt zuverlässig beurteilen. Daraus folgt kein Ende sinnvoller Aufgaben ausserhalb des Unterrichts. Wohl aber die Notwendigkeit, ihre Funktion neu zu bestimmen und Prüfungssettings neu zu denken.

Es braucht eine Verschiebung des Blicks: weg von der ausschliesslichen Bewertung des Endprodukts, hin zur stärkeren Berücksichtigung des Entstehungsprozesses.

Für die Praxis bedeutet das: Bildungsinstitutionen müssen sich fragen, welches Prüfungssetting für welches Ziel geeignet ist. Soll eine Aufgabe ausdrücklich KI-integrierend angelegt sein? Soll sie höhere Anforderungen an Reflexion, Begründung und Transfer stellen? Oder braucht es ein kontrolliertes Setting vor Ort, um bestimmte Kompetenzen valide zu erfassen?

Wo KI erlaubt oder sogar erwünscht ist, reicht es nicht mehr, Reproduktion, einfache Zusammenfassungen oder sprachliche Umformulierungen zu verlangen. Genau solche Leistungen können generative Systeme inzwischen sehr gut erbringen. Anspruchsvoll und lernwirksam wird eine Aufgabe dort, wo Lernende ihre Entscheidungen begründen, ihr Vorgehen offenlegen, Kriterien benennen und Ergebnisse kritisch einordnen müssen.

Fragen wie diese gewinnen an Bedeutung:

💬 Wie bist du vorgegangen?
💬 Warum hast du diese Lösung gewählt?
💬 Welche Kriterien hast du zur Beurteilung der Qualität verwendet?
💬 Welche KI-Werkzeuge hast du eingesetzt und wie?
💬 Was würdest du nach dem Feedback überarbeiten?

Welche Formate an Bedeutung gewinnen

Aus dieser Verschiebung ergeben sich konkrete Konsequenzen für Unterricht und Leistungsbeurteilung.

Live-Assessments, Reflexionsgespräche, Präsentationen und mündliche Prüfungen gewinnen deutlich an Bedeutung. Sie helfen dabei, Verständnis, Transfer und Eigenständigkeit sichtbar zu machen.

Beispiel aus der Praxis

Eine Schülerin verfasst einen Aufsatz mit erlaubter KI-Unterstützung. Anschliessend erläutert sie in einem kurzen Reflexionsgespräch ihr Vorgehen, begründet die Struktur ihres Textes und reagiert auf kritische Rückfragen. Kann sie ihre Entscheidungen nachvollziehbar erklären, Alternativen benennen und Inhalte eigenständig weiterdenken, zeigt sich tatsächliches Verständnis. Gelingt das nicht, wird genau dort Förderbedarf sichtbar. Pädagogisch ist das oft aufschlussreicher als jede reine Produktbewertung.

Transparente KI-Nutzung sollte dabei nicht tabuisiert, sondern als Teil der Aufgaben- und Bewertungskultur mitgedacht werden. Lernende müssen lernen, KI nicht verdeckt als Ersatz, sondern offen als Werkzeug oder Sparringspartner zu nutzen. Bewertet wird dann nicht bloss das Resultat, sondern die Qualität der Auseinandersetzung, der Transferleistung und der kritischen Einordnung.

Begleitung statt reine Kontrolle wird damit zu einem zentralen Prinzip. Lehrpersonen, die Zwischenstände sehen, Fragen stellen, Entwicklungsschritte nachvollziehen und Kurskorrekturen anregen, erhalten ein wesentlich realistischeres Bild vom Lernstand als durch ein fertiges PDF, das am Ende einer Woche oder des Monats abgegeben wird.

Was Lehrpersonen wirklich brauchen

Immer wieder taucht in diesem Zusammenhang dieselbe Frage auf: Müssen Lehrpersonen jetzt IT-Experten werden? Die Antwort lautet: nein.

Was sie brauchen, ist nicht primär technische Spezialisierung, sondern eine tragfähige institutionelle Einbettung. Es genügt nicht, einzelne Tools zu kennen oder zu wissen, wie man mit KI ein Arbeitsblatt, eine Grafik oder eine Zusammenfassung erstellt. Entscheidend ist, ob Lehrpersonen Aufgaben so gestalten können, dass unter veränderten Bedingungen weiterhin Lernen, Reflexion und Kompetenzentwicklung stattfinden.

Die grosse Erleichterung, die in Workshops oft spürbar wird, hat deshalb weniger mit Technikbegeisterung zu tun als mit etwas anderem: mit der Entlastung, dass endlich die richtigen Fragen gestellt werden. Wie muss sich das Prüfungswesen verändern? Wie kann Kompetenz unter KI-Bedingungen fair bewertet werden? Wie lässt sich Chancengerechtigkeit sichern? Und wie kann KI-Kompetenz systematisch im Curriculum verankert werden, statt sie dem Zufall zu überlassen?


Fazit

KI ist kein Randthema und kein technisches Zusatzproblem, das sich mit einigen Tool-Empfehlungen lösen lässt. Sie verändert die Bedingungen, unter denen Lernen sichtbar, Leistung beurteilbar und Bildungsgerechtigkeit organisierbar wird. Genau deshalb braucht es keine punktuellen Einzelmassnahmen, auch keine komplett neue Strategie, sondern eine Integration in die institutionelle Strategie.

Wer jetzt nicht handelt, riskiert, dass Prüfungen an Aussagekraft verlieren, Ungleichheiten wachsen und Lehrpersonen mit einer strukturellen Herausforderung allein gelassen werden. Bildungsinstitutionen müssen den Mut haben, ihre Prüfungskultur, ihre Rahmenbedingungen und ihre Verantwortung neu zu denken.

Nicht Technik ist die zentrale Frage. Sondern die Glaubwürdigkeit von Bildung unter neuen Bedingungen.

Kurt Wunderlich
Kurt Wunderlich LinkedIn

Experte für Didaktik und modernes Lernen

Verantwortlich für Schulungskonzepte, Trainings und den nachhaltigen Kompetenzaufbau in Organisationen.

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