Ein paar Gedanken zum Kreuzesgeschehen aus katholischer und evangelischer Perspektive, mit einem kritischen Blick auf Techkonzerne und ihre KI-Entwicklungen.
Stille.
Kein Orgelton, keine Glocken, kein Weihrauch.
In der katholischen Kirche ist der Altar an Karfreitag komplett nackt. Kein Kreuz, keine Kerzen und keine Tücher schmücken den sonst üppig dekorierten und in allen katholischen Kirchengebäuden zentral gelegenen Tisch.
In evangelischen Gemeinden setzt man sich schweigend hin und schaut auf das Holz.
Karfreitag ist der Tag, an dem das gesamte Christentum seiner eigenen Unmöglichkeit ins Auge blickt: Gott stirbt.
Das Wort «Karfreitag» leitet sich vom althochdeutschen «kara» ab, was so viel bedeutet wie Trauer, Kummer oder Klage. Und doch ist dieser Tag alles andere als nur ein Tag der Niederlage. Er ist vielleicht der aufgewühlteste, tiefste, ehrlichste Tag im gesamten Kirchenjahr.
Heute wird nicht gefeiert, triumphiert oder beschwichtigt.
Heute wird getrauert.
Und in der Trauer liegt eine Wahrheit verborgen, die weit über das Jahr 33 n. Chr. hinausreicht.
Der biblische Kern
Die Geschichte ist in allen vier Evangelien mit erschreckender Präzision überliefert: Der Verrat durch Judas, die Verleugnung von Petrus, das Verhör durch Pilatus, die Dornenkrone, der Kreuzweg – und schliesslich das Grausamste, das die römische Welt kannte: die Kreuzigung.
Jesus stirbt um die neunte Stunde, um ca. 15 Uhr, mit den Worten «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (Mt 27,46).
Was bedeuten diese Worte? Viele kluge Theologinnen und Theologen haben versucht, die wahre Bedeutung zu ergründen. Man kann Jesu Ausruf am Kreuz als seine eigene Theodizeefrage verstehen. Als die Frage, die sich jeder leidende Mensch je gestellt hat: Wo ist Gott im Leid?
«Es ist vollbracht» – und was danach kommt
Im Johannesevangelium endet der Sterbemoment mit den Worten: «Es ist vollbracht» (Joh 19,30). Diese drei Worte sind theologisch aufgeladen bis zum Zerbersten.
Diese Worte bedeuten nicht Niederlage. Jesus sagt damit nicht: «Ich bin besiegt.»
Die Worte bedeuten: Jetzt ist alles gesagt.
Die Passion Jesu ist nicht eine Randnotiz, sondern die Grunderzählung des Christentums. Und auf sie läuft die gesamte Geschichte von Jesus zu, aus ihr lässt sich unser Glaube erst verstehen.
Luthers Theologia Crucis
Für Protestantinnen und Protestanten hat Karfreitag eine besonders exponierte Stellung. Martin Luther selbst bezeichnete ihn sogar als «Guten Freitag» – was heute noch im englischen Good Friday auftaucht – in bewusster Umkehrung der Trauer.
Nach der Reformation 1517 wurde der Tag in evangelischen Gemeinden aufgewertet; erst zum halben Feiertag, dann zum Busstag. Der Grund liegt in Luthers Theologie: Für Luther ist die theologia crucis, die Kreuzestheologie, das Gravitationszentrum des Glaubens. Gott zeigt sich nicht im Triumph, nicht in der Herrlichkeit, sondern im Verborgenen, im Leiden und vielleicht sogar im Scheitern.
Der deus absconditus (der verborgene Gott) offenbart sich gerade dort, wo menschliche Vernunft nichts Göttliches mehr erwartet: am Kreuz. Das ist alles andere als sentimentales Leiden-Wollen – es ist radikale theologische Ehrlichkeit. Nämlich, dass die Welt, so wie sie ist, nicht gut ist. Punkt.
Die heutige evangelische Sicht: Karfreitag oder Ostern?
Protestanten betrachten den Karfreitag als ganz besonderen Feiertag. Doch Ostern, die Feier der Auferstehung Jesu, ist für sie (wie für alle Christen) das höchste Fest. Oder besser gesagt: Biblisch gesehen sind Karfreitag und Ostern untrennbar – beides zusammen bildet das höchste Fest im Kirchenjahr.
Wer evangelisch aufgewachsen ist, weiss dennoch, was der Karfreitagsgottesdienst bedeutet: Stille, schroffe Kürze und ungelöstes Leid. Und vielleicht ist genau das die Stärke dieser «Feier». Der Karfreitag lässt den Menschen mit der Unauflösbarkeit der Situation sitzen.
Die Karfreitagsliturgie als Verdichtung
Die katholische Karfreitagsfeier findet traditionsgemäss um 15 Uhr statt, zur überlieferten Todesstunde Jesu. Statt einer Messe wird ein dreiteiliger Gottesdienst abgehalten: Wortgottesdienst mit der Lesung der Passion nach Johannes, die grossen Fürbitten und die Kreuzverehrung. Der Priester enthüllt das verhüllte Kreuz mit den Worten: «Seht das Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen.» Die Gläubigen antworten: «Kommt, lasset uns anbeten.»
Anselm von Canterbury und die Satisfaktionslehre
Theologisch hat die katholische Tradition das Kreuzesgeschehen vor allem durch die Satisfaktionslehre Anselms von Canterbury (1033–1109) gedeutet. In seinem Werk Cur Deus Homo («Warum wurde Gott Mensch?») entwickelt Anselm ein rationales Argument für Karfreitag: Die Sünde des Menschen hat die gottgewollte Ordnung verletzt. Diese Ordnung kann nur durch Genugtuung (satisfactio) wiederhergestellt werden, aber nur Gott selbst ist dazu in der Lage, und nur der Mensch ist schuldig geworden. Also muss der Erlöser zugleich Gott und Mensch sein.
Anselm baut seine Lehre dabei explizit nicht auf die Vorstellung eines zornigen Gottes auf, den es zu besänftigen gilt. Es geht um die Würde des Menschen und um den Weg, in das versöhnte Bundesverhältnis mit Gott zurückzukehren.
Der leidende Gott – ist das heute die Antwort?
Die zeitgenössische katholische Theologie betont zunehmend einen anderen Aspekt: In dem unschuldig getöteten Jesus leidet auch Gott selbst zusammen mit seiner Schöpfung. Nicht das Opfer steht im Vordergrund, sondern die Solidarität. Gott setzt sich dem Leid aus. Er flüchtet nicht und erklärt nicht. Das gesamte Neue Testament bestätigt, dass Gott Partei ergreift für die Leidenden, Bedrängten, Ausgestossenen und Sterbenden.
Karfreitag kann ich nicht ohne diese Frage denken. Sie ist die härteste Probe für jeden Glauben: Kann es Gott und das Leid zugleich geben? Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) nannte sie die Theodizee.
Weil ich glaube, dass jeder ernsthafte Versuch, diese Frage zu beantworten, scheitern wird. Weil die christliche Antwort auf Karfreitag keine Erklärung ist, sondern eine Erzählung.
Ob das als Trost reicht, muss jeder Mensch selbst entscheiden. Aber es ist eine radikal andere Antwort als die, die Technologie anbietet. Und diese Antworten werden wir uns jetzt etwas genauer anschauen.
Die Maschine im Gottesdienst
Am 9. Juni 2023 fand auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Nürnberg der erste vollständig von KI gestaltete Gottesdienst statt. In der evangelischen Kirche St. Paul in Fürth füllten sich über 400 Plätze. Auf der Leinwand trugen Avatare ChatGPT-generierte Predigten, Gebete und Fürbitten vor. Keine Orgel. Kein Mensch im Altarraum.
Die Reaktionen waren ernüchternd. Die Zeit beschrieb den Gottesdienst als emotionslose Angelegenheit. Besucherinnen und Besucher klagten über fehlende Empathie, über «Standardsätze», über religiöses «Bullshit-Bingo». Ein Teilnehmer fasste es so zusammen: «Es ist sehr deutlich geworden, wo die Grenzen der KI sind. Die Apparate können nur sagen, was im Netz ist.»
Genau darin liegt der theologische Kern: KI glaubt nicht. Sie hofft nicht. Sie zweifelt nicht. Sie kennt keine innere Dunkelheit und kein spirituelles Erwachen. Sie imitiert und reproduziert, was Menschen vorher gedacht, gebetet und gelitten haben. Aber sie hat nie selbst am Kreuz gestanden.
Imago Dei im Digitalzeitalter
Die eigentliche theologische Herausforderung von KI ist tiefgründiger als Gottesdienst-Experimente. Die Technologie – oder besser gesagt, die Stories die darum herum erzählt werden – greifen an die Wurzel des christlichen Menschenbildes: Imago Dei, der Mensch als Ebenbild Gottes (Gen 1,26).
Der Vatikan stellte in seinem wegweisenden Dokument Antiqua et Nova vom 28. Januar 2025 fest: KI-Systeme arbeiten durch Mustererkennung und Computerlogik, ihnen fehlen die kreativen, spirituellen und moralischen Dimensionen des menschlichen Denkens.
Pater Hans Zollner SJ formuliert es pointiert: «Christliche KI ist dem Menschen und seiner Würde gegenüber verantwortete KI.»
Die theologische Frage, die KI aufwirft, ist also nicht, ob sie klüger sein kann als wir, sondern ob wir zulassen, dass sie das Menschsein im Kern ersetzt statt ergänzt.
Die Schweizerische Evangelische Allianz (SEA): KI als Assistent – nicht als Ersatz
Die SEA hat im Mai 2025 gemeinsam mit einer interdisziplinären Fachgruppe das Arbeitspapier «Gemeinde & Digitalisierung: Künstliche Intelligenz (KI) in der Kirche» veröffentlicht. Es ist eines der ausführlichsten Dokumente zur KI-Frage im deutschsprachigen Raum.
Ich habe an diesem Dokument mitgearbeitet und bin auch ein wenig stolz darauf, dass wir es trotz unterschiedlicher (theologischer) Haltungen auf knapp 90 Seiten geschafft haben, ein klares Fazit zu ziehen: KI kann höchstens als Assistent gelten, dem man Aufgaben anvertrauen kann – in der letzten Verantwortung bleibt immer der Mensch.
Konkret bedeutet das: KI kann eine grosse Rolle spielen bei Aufgaben, die Technik, Administration oder Kommunikation betreffen. Aber bei Aktivitäten mit theologischer oder spiritueller Dimension wie Predigt, Gebet oder geistliche Begleitung, soll KI nur mit grösster Vorsicht oder gar nicht eingesetzt werden.
Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) und die Schweizer Bischofskonferenz (SBK)
Die EKS hat sich seit Mitte 2023 in Blogbeiträgen und mit dem Podcast «Reflex» aktiv in die Debatte eingeschaltet. KI-Experte und Theologe Spiro Mavrias von der Reformierten Kirche Zürich hat verschiedene Aufsätze zum Thema geschrieben und berät Kirchgemeinden direkt über den praktischen Einsatz von KI-Tools im Kirchenalltag.
In einem EKS-Blogbeitrag vom Januar 2026 formuliert Elio Jaillet eine eigenwillige These: Die Kirche hat kein eigenes statisches Menschenbild, das sie Künstlicher Intelligenz entgegenhalten könnte. Das Menschenbild ist also keine Besitzgrösse – es ist eine Gabe des Schöpfergottes, empfangen und bezeugt, nicht besessen.
Die SBK orientiert sich eng an den Positionen von Papst Franziskus und dem Vatikan. Papst Franziskus mahnte in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2024, es brauche internationale Regulierungsrahmen, die Menschenwürde und den Schutz der Privatsphäre ins Zentrum stellen.
Der Professor für Theologische Ethik an der Universität Luzern Peter G. Kirchschläger warnt vor KI-generierten Deepfake-Videos die Papst Leo XIV. Aussagen machen lassen, die er nie getroffen hat. Kirchschläger vergleicht KI mit einer wiederkäuenden Kuh, die nur Vorhandenes verarbeitet, aber nichts Neues hervorbringt. Zur Frage eines KI-Priesters ist er unmissverständlich: KI kann keine Seelsorge leisten.
Die neue Erlösungsreligion
Die meisten Techfirmen (respektive ihre Vorstände und Sprachrohre) sprechen bei KI nicht nur von Werkzeugen, sondern von Erlösung.
Sam Altman, CEO von OpenAI, sagte auf einem Entwickler-Event in London: „Ich bete nicht, dass Gott auf meiner Seite ist, ich bete, dass ich auf Gottes Seite bin. Wenn ich an diesen Modellen arbeite, fühle ich mich definitiv auf der Seite der Engel.” Gegenüber der Financial Times beschrieb er das Ziel von OpenAI als die Entwicklung von „magischer Intelligenz im Himmel”.
Ein KI-Ingenieur bei einem führenden Laboratorium formulierte in einem Vanity-Fair-Interview noch direkter: „Wir erschaffen Gott.”
Greg Epstein, Humanist an der Harvard University, beschreibt in seinem Buch Tech Agnostic die Technologiebranche als die mächtigste Religion der Welt: Sie hat ihre Propheten, ihre heiligen Texte (AGI-Manifeste), ihre Eschatologie (Singularität oder Apokalypse) und ihr Erlösungsversprechen.
Viele KI-Entwickler beschäftigen sich mit dem Tod – allerdings mit dem entgegengesetzten Vorzeichen: Google-Mitgründer Larry Page startete Calico Labs mit dem Ziel der radikalen Lebensverlängerung, Amazon-Gründer Jeff Bezos investierte in Altos Labs das den Alterungsprozess umkehren soll. Die ideologische Basis dieser Haltungen ist TESCREAL – ein Akronym für Transhumanismus, Extropianismus, Singularitarismus, Kosmismus, Rationalismus, Effektiven Altruismus und Longtermismus.
Die Antwort von Karfreitag
Hier liegen zwei unvereinbare Weltanschauungen vor.
Das Kreuz sagt: Das Leid ist nicht ein Problem, das gelöst werden muss. Das Leid ist der Ort, an dem sich Gott zeigt. Der Tod ist nicht das Ende, aber er muss durchlitten werden. Es gibt kein Abkürzungsprogramm, kein Update, kein Patch.
Silicon Valley & Co. sagen das Gegenteil: Der Tod ist ein Bug, kein Feature. Schmerz ist ineffizient.
Karfreitag hält dagegen und verteidigt diesen heiligen Raum. Das Aushalten des Nicht-Gelösten ist nicht Schwäche – es ist Tiefe. KI reproduziert, was Menschen zuvor gedacht, gesagt, gebetet haben. Und genau darin liegt eine paradoxe Chance: Sie zwingt uns zu fragen, was unseren Glauben eigentlich ausmacht.
Was bleibt, wenn eine Maschine dasselbe sagt wie wir – nur schneller und fehlerfreier?
Die Antwort, die Karfreitag gibt, lautet: Alles, was zählt, bleibt. Die Begegnung von Mensch zu Mensch. Das echte Mitleiden. Die Stille vor dem Tod. Der Schrei an Gott. Die Hoffnung, die nicht Optimismus ist, sondern Vertrauen in das, was jenseits des Berechenbaren liegt.
Schlusswort
Karfreitag und Technologie – insbesondere Künstliche Intelligenz – stehen heute mehr in einem Spannungsfeld denn je zuvor. Beide beschäftigen sich mit dem Tod. Beide fragen nach Erlösung. Beide haben es mit Schuld, Verantwortung und letztlich mit dem Menschsein zu tun.
Aber ihre Antworten sind grundverschieden.
Als Kirche könnten wir unsere Position so formulieren: Technologie ist weder Feind noch Erlöser. Sie ist Werkzeug in Menschenhand – und diese Menschenhand trägt Verantwortung.
Karfreitag erinnert uns also daran, dass das Entscheidende nicht in den Werkzeugen selbst liegt, die wir verwenden. Es liegt darin, wie wir mit dem Unlösbaren umgehen. Mit dem Schmerz, dem Tod und manchmal auch dem Schweigen Gottes. Und ob wir es wagen, trotzdem zu hoffen.
In diesem Sinne: «Es ist vollbracht.» – Joh 19,30
Desclaimer: Dieser Text wurde mit eigenem Wissen und Rechercheergebnissen von Deep Research (Perplexity.ai) in Zusammenarbeit mit Claude.ai erstellt. Formulierungen und Tonalität stammen von mir und die Richtigkeit der Inhalte wurde von mir überprüft.